Ein Unfall

Einen Tag bevor wir in den Urlaub fahren wollen, passiert ein Unfall. Es sind noch ein paar Einkäufe zu erledigen und am späten Nachmittag an der Kasse in einem Spielwarenladen kippt der Einkaufswagen um. Wir hatten alle drei Kinder in dem Wagen. Mein Mann zahlt gerade und ich drehe mich für eine Sekunde um, weil ich Gutscheine entdeckt habe, die an der Kasse auslagen. Es geht alles so schnell und doch läuft es ab wie ein Film in Zeitlupe. Im Nachhinein ist uns klar geworden, dass unsere Große sich (trotz Verbots) hingestellt hat und sich vom Wagen aus an dem Tresen der Kasse festhielt und so den Wagen zum Kippen brachte. Dadurch, dass sie sich bereits abgestützt hatte ist ihr nichts passiert, sie war nur furchtbar erschrocken und war sich ihrer Schuld voll bewusst. Unsere Mittlere hat sich die Hüfte angehauen und am nächsten Tag entdeckten wir auch einen großen blauen Fleck am Bein. Unsere Kleine sitzt vorne im Sitz und ist mit voller Wucht mit dem Kopf auf den Boden geknallt. Ich kann die Situation nach dem Unfall kaum beschreiben. Alle drei Mädchen schreien aus voller Kehle, der schwere Einkaufswagen wird mit Hilfe von anderen hochgestemmt, mein Mann hat sich beim Versuch den Wagen noch aufzufangen den Fingernagel eingerissen und blutet. Während ich meine großen Mädchen im Arm halte, dreht sich mein Magen um, weil ich das Schreien meiner Kleinen deutlich hören kann. So hatte sie noch nie geschrien. Es war lauter, schriller, einfach anders. Nachdem meine Großen sich halbwegs beruhigt haben, nehme ich meinem Mann unser Baby ab, aber nicht einmal auf meinem Arm beruhigt sie sich. So kenne ich sie nicht! Der Schock sitzt uns in allen Gliedern, ich zittere auf dem Weg zum Auto. Der Versuch unsere kleine Tochter mit Trinken zu beruhigen, funktioniert auch nicht. Sie schreit noch immer schrill und es scheint ihr etwas furchtbar weh zu tun. Im Autositz beruhigt sie sich immer mal wieder, aber nur um wieder mit dem Weinen anzufangen. Es fällt meinem Mann und mir sehr schwer unsere Angst nicht bei unserer großen Tochter abzuladen. Sie war schließlich daran schuld, dass der Wagen umkippte und obwohl wir sie mehrmals gewarnt haben, nicht aufzustehen hat sie es doch getan. Ich kann ihrem Gesicht ansehen, dass sie sich ihrer Schuld bewusst ist und überhaupt nicht weiß, wie sie damit umgehen soll. Sie versucht durch lustige Bemerkungen die Stimmung im Auto zu bessern. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass Gott uns die Gnade geschenkt hat in dieser Situation unsere große Tochter nicht anzuprangern. Wir hätten ihr große Vorwürfe machen können und hätten sie damit völlig überfordert, statt dessen sagten wir nur allgemein an beide großen Töchter gerichtet, dass es so wichtig ist, dass sie gehorsam sind – denn sonst können solche schlimmen Dinge passieren. Auf der B17 durch Augsburg sehe ich auf einem Straßenschild ein Krankenhaus ausgeschildert. Weil unser Mädchen immer noch schreit, biege ich ab und kurze Zeit später sind wir in der Notaufnahme. Der Arzt untersucht Marit gründlich, meint aber vom neurologischen ist alles in Ordnung. Wir können in den Urlaub fahren.

Erleichterung macht sich breit und trotzdem ist meinem Mann und mir noch immer übel. Was für ein Schock. Zu Hause packen wir noch die letzten Sachen und bringen die Kinder in’s Bett. Wir wollen 3 Uhr morgens losfahren. Marit schläft schlecht, wacht immer wieder auf und ist unruhig. Aber sie zeigt keine Auffälligkeiten.

An der Nordsee angekommen bemerkt mein Mann an Marits Kopf eine Delle. Der Kopf fühlt sich an dieser Stelle ganz weich an. Kurze Zeit später entdecke ich eine weitere Stelle. Das kommt uns komisch vor und im Internet finde ich heraus, dass weiche Stellen nach einem Sturz auf dem Kopf eine Fraktur bedeuten können. Man müsse sofort zum Arzt. Wir sind hin und hergerissen. Es ist Sonntag – keine Arztpraxis ist offen. Wir versuchen einen Bereitschaftsarzt zu erreichen. Nur die Mailbox geht ran. Ich rufe in dem Augsburger Krankenhaus an. Erst beruhigt man uns – so eine Stelle am Kopf bedeutet erstmal nichts Ernstes. In der Zwischenzeit ruft eine Freundin an, deren Schwester Kinderärztin ist und die hat wiederum dazu geraten, sofort ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Als dann auch noch das Augsburger Krankenhaus zurückruft und uns dringend rät in ein Krankenhaus zu fahren, hält mich nichts mehr. Es ist mittlerweile 11 Uhr abends, ich bin hundemüde und in Tränen aufgelöst. Ich habe furchtbare Angst um meine Tochter, befürchte das Schlimmste. Vorsichtig hebe ich sie aus aus ihrem Reisebett und setze sie ins Auto. Mein Mann schreibt Emails mit der Bitte um Gebetsunterstützung an Familie und Freunde. Ich habe mich, glaube ich, noch nie so einsam gefühlt, wie auf dieser Autofahrt zum Krankenhaus mitten in der Nacht in einer Gegend, die nicht meine Heimat ist. Ich fange an zu beten, flehe Jesus um seinen Beistand an. Ich bete, dass ich das nicht verstehen kann, aber es aus seiner Hand nehmen möchte. Es ist eine Grenzsituation, wenn man weiß, dass das eigene Kind ernsthaft krank ist, aber man kann nichts tun. Vertraue ich Jesus genug, dass ich ihm meine Kinder anbefehlen kann? Vertraue ich darauf, dass er es auch mit ihnen gut meint? Auch nach so einem Unfall?

Als ich beim Krankenhaus ankomme, erfüllt mich Friede. Kein besonders tiefer. Aber immerhin zittere ich nicht mehr. Bei der Notaufnahme kommen mir die Tränen, als ich erklären muss, was passiert ist. Die Krankenschwester fährt mich an: ‚Und warum bitteschön fahren sie dann in den Urlaub?‘. Die Ärztin wenigstens ist nett und erklärt mir, solange meine Tochter neurologisch unauffällig ist, kann man nichts machen. Nur beobachten. Bei Erbrechen, Schwindel, Lähmung usw. sofort ins Krankenhaus. Eine dreiviertel Stunde später fahre ich wieder in unser Ferienhäuschen. Es dauert ein wenig, bis ich den Weg finde.

Am nächsten Morgen fahren wir zum Kinderarzt. Ein sehr netter Mann, der sich Zeit nimmt für uns und bestätigt, was wir befürchtet haben: Marits Schädelknochen ist gebrochen. Ob es nur ein Haarriß ist, oder mehr kann er nicht sagen und er meint auch, darauf kommt es nicht an. Der Knochen wird wieder zusammenwachsen, wichtig ist nur, dass keine Blutung entsteht. Meinem Mann und mir ist immer noch übel und wir wagen es kaum Marits Kopf anzufassen. Ganz weich und wabbelig fühlt er sich auf der rechten Seite an. Nach einem Ultraschall gibt der Arzt Entwarnung: er kann keine Hinweise auf eine Blutung entdecken. Man wünscht uns noch einen schönen Urlaub.

Es ist noch mehr gebrochen, als Marits Schädelknochen. Meine Illusion, ich könnte meine Kinder vor allem Schlimmen bewahren, hat deutliche Risse bekommen. Ich merke, wie ich Panik in mir niederkämpfen muss, wenn sich Marit hinstellt und auf wackeligen Beinen am Tisch entlangläuft. Ich bin mit der Verletzlichkeit des Lebens konfrontiert. Ich mache mir große Sorgen und schlafe schlecht. Die Gedanken fahren ein Sorgenkarussell, das sich schneller und schneller dreht. Ich habe keine Kontrolle. Ich habe keine Kontrolle.

Der Bibelvers, den wir zu Marits Geburt für sie herausgesucht haben kommt mir in den Sinn: ‚Denn Gott hat seine Engel ausgesandt, damit sie dich schützen, wohin du auch gehst. Sie werden dich auf Händen tragen, und du wirst dich nicht einmal an einem Stein verletzen.‘ Psalm 91, 11-12

In den kommenden zwei Urlaubswochen wird mich Jesus immer wieder ansprechen. Er wird mir seinen Beistand zusichern und mir die Last abnehmen, dass ich alles unter Kontrolle haben muss. Er wird mir Geborgenheit schenken und tiefen Frieden, weil dieses Leben nur durch ihn Sinn macht. Trotzdem werde ich immer wieder zu den Sorgen zurückkehren und Angst wird mir die Luft abschnüren, aber ich werde Jesus finden in all dem. Denn Er hält alles in der Hand. Er hält alles in der Hand.

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