3.Oktober

 

Ich erinnere mich an einen Spaziergang. Da war ich 10 oder 11 Jahre alt. Ganz in der Nähe unseres Wohnortes lag das Dorf Mödlareuth. Die Mauer, die Deutschland in Ost und West trennte, führte mitten durch dieses Dorf. Freunde und Familie wurden so gewaltsam getrennt. Heute ist das Dorf ein äußerst sehenswertes Freilichtmuseum.

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Ich erinnere mich, dass wir an dieser Mauer entlang gegangen sind. Es war das erste und einzige Mal, dass ich diese Mauer, diese bedrohliche, graue Betonwand intensiv wahrnahm. Auf der Ostseite beobachteten uns Grenzsoldaten durch ein Fernrohr, sie ließen uns nicht aus den Augen. Es war für mich als Kind eine eigenartige Erfahrung, die sich tief in mein Gedächtnis gebrannt hat.

Ein paar Wochen später fiel diese Mauer.

Ich erinnere mich an kilometerlangen Stau. Auf der Bundesstraße Richtung Hof an der Saale, wo ich damals wohnte, reihte sich Trabant an Trabant. Es stank fürchterlich. Und es war laut. Ich stand am Wohnzimmerfenster und beobachtete diese langsame Lawine aus Blech, wie sie sich unaufhaltsam und ungeduldig in Richtung Westen und Freiheit rollte. Ich wusste, es ging um Bananen und Willkommensgeld und irgendwie um so viel mehr.

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Ich weiß auch noch, als wir das erste Mal als Familie in den Osten fuhren. Einfach so, ohne Grenzkontrolle. Wir fuhren übers Land, die Luft roch nach Kohle. Die Häuser schienen alle grau zu sein, grau und baufällig. Es war nur ein paar Kilometer von unserem Zuhause entfernt und doch war alles wie ein fremdes Land.

Meine Mutter arbeitete damals in einem Kaufhaus in der Spielzeugabteilung. Die Regale waren leer geräumt. Da kam ein Mädchen und wollte unbedingt eine Barbiepuppe haben. Meine Mutter musste sie leider enttäuschen, alles ausverkauft. Da kam ihr die Idee, diesem Mädchen eine meiner Barbiepuppen anzubieten. Ich hatte ja so viele. Als ich am Abend davon erfuhr, suchte ich meine schönste Barbie heraus. Zog ihr ein extra schönes Kleid an. Kämmte und frisierte die Haare. Und das Mädchen kam tatsächlich mit seiner Mutter vorbei und ich gab ihr die Puppe. Dieser Moment berührt mich noch heute.

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Damals ist ein Wunder passiert vor unserer Haustüre. Die Mauer, die eine ewige Bastion zu sein schien, fiel. Einfach so. Ohne Gewalt, ohne Krieg. Diesem Wunder gingen viele Gebete voraus. Tausende von Christen trafen sich in den Jahren zuvor zu Friedensgebeten in ostdeutschen Kirchen. Ich bin davon überzeugt, dass diese Gebete den Weg für das Wunder bahnten.

Was für eine Gnade, die Gott Deutschland dadurch erwiesen hat. Eine meiner Großtanten saß weinend vor dem Fernseher, als die Bilder aus Berlin übertragen wurden. Tanzende Menschen vor dem Brandenburger Tor. Sie erinnerte sich noch allzu gut an den Bau der Grenze. Den Schmerz über eine geteilte, gebrochene Hauptstadt. Die Scham des Krieges. Die Schuld, die Hoffnungslosigkeit. Dass diese Mauer 40 Jahre später fiel, ist unverdiente Gnade. Gott liebt Deutschland und hat einen Plan mit diesem Land, diesem Vaterland.

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Heute habe ich meinen Kindern von meinen Erinnerungen erzählt, wieder einmal. ‚Mama, das wissen wir doch schon!‘ Aber dann wollen sie es doch hören wie das damals war, mit dieser Mauer. Heute absolut unvorstellbar! Eine Mauer durch ein Dorf! Familien, Freunde getrennt! Mitten in Deutschland!

Diese Mauer hat Wunden hinterlassen, einen tiefen Graben in Menschenherzen. Ich erzähle meinen Kindern von jenen Tagen, weil sie dazu beitragen sollen, unser Land zu heilen. Sie sollen verstehen, wo wir herkommen, wo wir gerade stehen und wie sehr Gott unser Land liebt. Meine Kinder sollen Brückenbauer sein und keine Mauernhochzieher.

Und so bin ich wie jedes Jahr am dritten Oktober tief berührt. Ich frage mich, ob jetzt die Kinder von dem Mädchen aus dem Kaufhaus mit dieser Barbiepuppe spielen, so wie meine Mädels mit meinen spielen. Irgendwie wünsche ich mir das.

 

 

 

 

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Der Mauerfall

Ich kann mich noch gut an einen besonderen Spaziergang erinnern: es war 1989, ich war 11 und die ‚Mauer‘ stand noch. Meine Familie und ich gingen an der grauen Wand entlang, auf der anderen Seite DDR-Wachen, die uns immer wieder durch ihre Ferngläser beobachteten. Ich kann mich auch noch gut an das beklemmende Gefühl erinnern, das ich damals hatte. Meine Eltern erzählen mir heute immer wieder, dass ich ihnen während jenem Spaziergang voller Überzeugung gesagt habe: ‚Diese Mauer bleibt nicht mehr lange stehen.‘ Sie lächelten mild über so viel kindliche Naivität. Ein paar Wochen später fiel die Mauer.

Wahrscheinlich habe ich das gesagt, weil man als Kind optimistischer ist und Negatives sich leicht wegdenken kann. Vielleicht auch, weil es Kindern leicht fällt an Wunder zu glauben. Oder weil Mauern in Kinderköpfe noch nicht hineinpassen.

Als Deutschland letzte Woche den ‚Tag der deutschen Einheit‘ feierte, habe ich an die Mauern in meinem Herzen denken müssen. Die Mauer der Bitterkeit. Die Mauer der Angst. Die Mauer der Enttäuschung. Wie mich diese Mauern einengen, in mir ein beklemmendes Gefühl auslösen, mich von anderen Menschen und Gott trennen. Diese Mauern in mir sind gut gesichert, über die Jahre hinweg immer mehr ausgebaut – es erscheint mir unmöglich, dass sie jemals fallen könnten.

Ich wünsche mir den kindlichen Glauben, dass diese Mauern in mir nicht mehr lange stehen bleiben können. Weil Jesus die Steine zum Einfallen bringen will. Auch wenn ich mir mit meinem logischen, erwachsenen Denken all die ‚guten Gründe‘ aufzähle, warum diese Mauern errichtet wurden, das ich die Mauern brauche, um sicher zu sein, will ich doch wie ein Kind erwarten, dass diese Mauern von Jesus eingerissen werden können. Und dass das für mich dann Freiheit bedeutet.