Weihnachtswunder

18. Dezember 2019 12 Von Inka

Es ist jedes Jahr dasselbe: kurz vor Weihnachten geht mir die Puste aus. Ich fühle mich überwältigt, innerlich leer und es ist ein bisschen so, wie in einem Auto zu sitzen, das auf eisiger Fahrbahn sich einfach nicht auf Kurs halten lässt. Immer driftet es leicht ab, egal wie sehr man das Lenkrad im Griff hat.

Weihnachten. Das bedeutet alles mögliche und es bedeutet auch: verzweifelte Herzen. Erst gestern sagte mir eine Therapeutin, die Notgespräche häufen sich um die Weihnachtszeit enorm. Schmerzen lassen sich nicht mehr deckeln, ungute Erinnerungen schwimmen an der Oberfläche wie Fettaugen auf der Suppe. Und Weihnachten bedeutet Konsumchaos. Neulich las ich, dass glückliche Kinder keine materiellen Geschenke brauchen. Meine Kinder müssen kreuzunglücklich sein. Seit August erzählt mir mein Jüngster, was er sich zu Weihnachten wünscht und mein anderes Kind kalkuliert ganz genau, welche Geschenkewünsche sie sich besser für den Geburtstag aufhebt. Und an Weihnachten ist längst nicht mehr alles heilig: Netflix ist gehörig ins Fettnäpfchen getreten, als der Onlinesender in Brasilien einen Comedy Clip veröffentlicht hat, in dem Jesus als schwul dargestellt und lächerlich gemacht wird.

Während ich versuche meine Weihnachtsgefühle auf die rechte Bahn zu lenken, obwohl ich über Zeitnot, Müdigkeit und Ablenkung schlittere und während die Welt eher weniger über den wahren Sinn von Weihnachten nachdenkt, passiert etwas in einer unscheinbaren Stadt in Nordkalifornien. Ein kleines Mädchen stirbt im Schlaf. Am Morgen des 14.12. bemerken die Eltern Kailey und Andrew, das ihre zweite Tochter Olive tot ist. Doch sie bereiten nicht die Beerdigung vor – sie starten eine Lobpreisbewegung. Hunderte Menschen treffen sich seit Tagen in der Bethel Gemeinde in Redding zu nonstop Gebet und Anbetung, der Hashtag #olivewakeup ist mittlerweile weltweit ein Trend. Ich bin gepackt und verunsichert. Darf man das? Darf man einfach die Augen vor einer Realität verschließen? Den Tod einfach übergehen, Hoffnung haben, wenn es doch keine Hoffnung gibt? Der Name des kleinen Mädches, Olive Alayne,  bedeutet ‚Große Erweckung‘ – massive awakening. Es wird längst schon nicht mehr nur in Nordkalifornien gebetet, Christen auf der ganzen Welt stimmen mit ein in den Lobgesang und rufen mit großem Glauben: Girl, wake up! In meinem Herzen hallen Worte nach. Das kenne ich. Jesus hat das auch gesagt. ‚Talitha kum.‘ ‚Sofort stand das Mädchen auf und ging umher; es war zwölf Jahre alt! Und alle waren sehr darüber erstaunt.‘ (Markus 5, 42)

Ich staune über den großen Glauben der Eltern. Ich staune über den Mut sich gegen die Mauer des Todes zu stellen und fast trotzig zu sagen: Jesus hat den Tod besiegt. Es ist vollbracht. Ist das nicht auch die Botschaft von Weihnachten? Hoffnung inmitten von Hoffnungslosigkeit? Der Himmel auf Erden? Wunder? Zwischen all dem Kitsch und Kommerz ist vielen von uns das Herz, der Kern von Weihnachten verloren gegangen. Auch mir.

Was macht das mit dir, wenn du liest, da akzeptieren Eltern den Tod ihrer Tochter nicht? Sie sind überzeugt, Gott hat mit diesem Mädchen noch etwas vor. Es ist für sie sonnenklar, dass das ein vorzeitiger Tod ist, dass das nicht Gottes Plan ist und deswegen kämpfen sie im Gebet und Lobpreis für ein Wunder. Schüttelst du den Kopf über soviel Naivität? Ärgert dich diese Anmaßung? Schließlich sterben ständig überall auf der Welt Kinder und alle Eltern empfinden das als Ungerechtigkeit. Überfordert dich dieser Glaube? Hat man den Tod nicht einfach zu akzeptieren? Mir gingen all diese Fragen in den letzten Tagen durch den Kopf und trotzdem bete ich mit. Denn wenn Weihnachten mir nicht den Glauben schenkt, dass alles möglich ist, dann muss ich mich fragen: warum feiere ich überhaupt dieses Fest?

Ich glaube – egal wie die Geschichte mit Olive ausgeht, ob sie bei Jesus bleibt oder noch einmal auf die Erde zurückkehrt – ich glaube, dass Gott uns aufweckt. Erweckt. Zu neuem Glauben. Größeren Erwartungen. Schärferem Verständnis dafür, zu was wir als Christen berufen sind. ‚Macht die Kranken gesund, erweckt die Toten zum Leben, heilt die Aussätzigen und treibt böse Geister aus.‘ (Matthäus 10,8)

Dieses Weihnachten wird anders werden. Für mich ganz persönlich. Dieses kleine Jesuskind, wie ein Passahlamm in Tüchern gewickelt, gekommen um geschlachtet zu werden, hat alles für immer verändert. Den Tod vor Augen. Sein ganzes Leben. Den Tod vor Augen, damit er ihn besiegen kann. Das ‚Es ist vollbracht‘ hallt durch jedes Zeitalter und was wäre, wenn wir zu der Generation werden, die diesen Ausruf in all seiner Radikalität begreift?

Ich glaube, es wird gerade Geschichte geschrieben. Gott ruft seine Kirche zu absoluter Hingabe, radikalem Glauben. Ja, das sind starke Worte. Das wollen viele gar nicht so gerne hören, schon gleich gar nicht beim Plätzchen naschen und ‚Kling Glöckchen‘ singen. Unser Glaube soll brav und kontrollierbar bleiben, wie ein Geschenk in Glitzerpapier eingepackt unter dem Weihnachtsbaum liegen, ungefährlich und zahm. Doch mit nettem, angepassten Glauben wird die Welt nicht verändert werden.

Wird Olive wieder zurück kommen? Ich weiß es nicht. Aber in mir ist etwas zu neuem Leben erwacht, weil dieses Kind starb: Sehnsucht nach mehr. Sehnsucht, den Himmel auf die Erde krachen zu sehen mit all seiner Herrlichkeit und Macht. Sehnsucht, Kranke gesund zu sehen, Lahme laufend, Taube hörend, Blinde sehend. Sehnsucht nach Wundern, nach mehr von Jesus, Sehnsucht danach das Vollbrachte, das mit dem Blut Jesu gekaufte, in meiner Realität greifen zu können.

Das ist Weihnachten. Wunder, Hoffnung, Zuversicht. Veränderte Welt. Der Moment, wo Himmel und Erde zusammen kommen. Alles ist nun möglich.

 

(Einer der Gottesdienste von Bethel, in dem für Olive gebetet wurde)