Herbstgedanken

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die Blätter
segeln sanft schwingend
auf den braunen Boden

Herbst
in all seiner schönen Vergänglichkeit
zeigt sich der Verfall in leuchtenden Farben

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den Sommer huldigend
im Ende ruhend
den Winter erwartend
trotz allem ein Fest
in tausend Schattierungen

Trost
wenn ein Ende naht
wenn Abschied das Leben einfordert
und Erinnerungen verblassen

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im Ende liegt ein Anfang
im Sterben das Leben
im Blindsein die Hoffnung

und so tanze ich durch den Herbst
wie die Blätter

 

 

 

Fotocredits: pixabay.com

 

 

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Der Schatz im Kopf

Diese Woche habe ich eine sehr alte Freundin auf der Palliativstation besucht. Sie kennt mich schon mein ganzes Leben lang und ist von meiner Relilehrerin in der Grundschule zu einer guten Freundin geworden. Nun ist sie schwer krank und wurde zur Einstellung ihrer Schmerzen auf die Palliativstation verlegt. Auf dem Nachttisch lagen ein paar Bücher, deshalb fragte ich sie, wie sie ihren Tag verbringe – mit Lesen? „Nein“, antwortete sie, „Lesen kann ich nicht, mir tun die Augen so weh. Ich kann gar nichts mehr lesen. Aber ich habe ja Gedanken.“ Mitgebracht hatte ich ihr nichts außer einer Karte mit einem Spruch, von dem ich dachte, dass er ihr in ihrer Situation vielleicht gefällt. Als ich am nächsten Tag nochmal vorbeischaute, berichtete sie ganz stolz: „Annette, Deinen Spruch habe ich schon auswendig gelernt!“ Zum einen, welche Mühe musste ihr das gemacht haben, da ihr das Lesen so schwer fällt. Und zum anderen fiel mir da wieder ein, dass sie schon immer Texte auswendig gelernt hatte. Liedtexte, Gebete, treffend formulierte einzelne Sätze. Sie hatte sich ihr Leben lang einen riesigen Schatz im Kopf angelegt, um den ich sie echt beneide. Denn nun kann sie von diesem Schatz zehren. Sie kann Bilder und Texte aufrufen, aus denen sie sich Kraft und Trost holen kann. Und wer sie sieht, staunt nur, mit wie viel Geduld sie erträgt, wie ihr Körper immer schwächer wird, wie ihr immer mehr genommen wird, wie sie immer mehr Leben loslassen muss. Wie es im Korintherbrief (2 Kor 4,16) heißt: „Wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.“

Ich nehme mir vor, mir auch einen Schatz anzulegen und mein Gehirn nicht nur mit den Lateinvokabeln meines Sohnes und dem Frühlingslied meiner Tochter zu füttern, sondern auch mit Sätzen und Gedanken, die ich in schweren Zeiten aufrufen und von denen ich dann zehren kann. So ein bisschen wie Frederick die Maus…

(Annette)

‚“Ich arbeite doch“, sagte Frederick, „ich sammle Sonnenstrahlen für die kalten dunklen Wintertage.“
Außerdem sammelte er noch Farben und Wörter – und als der Winter da war, die Vorräte fast aufgegessen und es kalt und dunkel wurde, da kann Frederick erzählen… von den Sonnenstrahlen und den Farben…‘

(Leo Lionni, Frederick)

himmelwärts

am ende stehst du da

arme ausgebreitet

deine umarmung macht alles gut

bis dahin

will ich dich nicht aus den augen verlieren

und himmelwärts leben

deine liebe im herzen

‚…lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns ständig umstrickt, und lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist…‘

Hebräer 12, 1

Winterschlaf

Heute morgen beim Schneeschippen ließ ich meinen Blick kurz über unseren Garten schweifen. Entlang des Zaunes stehen die kahlen Jungpflanzen, die wir im Herbst voller Enthusiasmus eingepflanzt haben. Sie wirken unter der Schneedecke etwas verloren und ich kann mir kaum vorstellen, dass das tatsächlich ‚Duftjasmin‘ und ‚roter, gelber und rosa Flieder‘ sein soll. Das alles sieht eher nach abgestorbenen, trockenen Ästen aus.

Ich widmete mich also wieder dem Schneeschippen und als eine Schneeladung nach der anderen auf der Seite landete, da erinnerte mich Jesus daran, dass gerade jetzt unter der Schneedecke emsig die Vorbereitungen für den Frühling getroffen werden. Ich kann es nicht sehen, nur erahnen: das, was wie abgestorben da steht, ist eigentlich voller Leben. Im März, wenn die Sonne langsam wieder an Kraft gewinnt und der Schnee Tropfen für Tropfen wegschmilzt, da werden dann die Knospen sichtbar sein. Prall gefüllt mit einer wunderschönen Blütenpracht. Durch die Erde, die vor kurzem noch gefroren war, brechen Schneeglöckchen hindurch und Tulpen und frisches, grünes Gras.

In meiner Seele war es schon oft tiefster Winter. Alles schien wie tot. Und doch kam immer wieder der Frühling. Die Sonne. Die Gnade. Die Hoffnung – das Leben geht weiter. Gott wird mich an das Ziel bringen. Ich bleibe nicht im Winter stehen. Ich muss nicht ewig vor Kälte zittern. Gefrorene Erde wird weich und warm werden. Samen gehen auf und blühen.

Gottes Wege sind unergründlich. Aber sie enden immer im Licht. Immer in der Wärme. Seine Wege lassen mich nicht im Dunkeln stehen, sie lassen mich niemals in der Hoffnungslosigkeit zurück. Die Sonne wird kommen.

‚Siehe, ich wirke Neues. Jetzt sproßt es auf. Erkennt ihr es denn nicht‘? Jesaja 43,19

Getröstet

Meine große Tochter hatte letztes Wochenende plötzlich hohes Fieber und sie klagte über Kopfschmerzen. Mit einem Mal fühlte ich so ein komisches Gefühl in der Magengegend und mir war so, als würde ich einen Magen-Darm-Infekt bekommen. Ich dachte, ich hätte mich bei meiner Tochter angesteckt. Bis mir aufging, das ich nicht krank war – ich litt mit. Das Krankheitsgefühl meiner Tochter hat sich auf mich übertragen, in dem Sinne, dass ich ihr Übelsein teilte. Ich fühlte mich krank, weil sie krank war.
Am nächsten Tag im Gottesdienst hörte ich eine Predigt über die letzten Kapitel der Offenbarung. Das grandiose Finale, das Ende, das eigentlich ein Anfang ist. Und da steht in Kapitel 21, Vers 4: ‚…und Gott wird abwischen all ihre Tränen von ihren Augen.‘ Der Prediger sagte, vielleicht sei eine unserer schönsten Kindheitserinnerungen, wo unsere Mutter uns auf den Schoß nahm und unsere Tränen trocknete. Das sei lediglich eine kleine, zaghafte Vorahnung auf den tiefen Trost, den uns unser himmlischer Vater einmal geben wird. Ich war bewegt. Ich erinnerte mich an den gestrigen Tag, als ich mit meiner Tochter wegen einer harmlosen Erkältung so mitlitt, dass ich es körperlich spürte. Wie sehr leidet mein Gott, mein Schöpfer mit mir mit? Wie sehr sehnt er sich danach, mich endlich endgültig von all dem Leid, all dem Schmerz zu erlösen – endlich das große Hochzeitsfest zu feiern? Zählt er die Sekunden, bis endlich der Tag gekommen ist, wo die Zeit erfüllt sein wird und wir endlich, endlich vereint sein werden? Vater und Tochter. Und dann wird er mir so unglaublich nahe kommen. Der Schöpfer der Welt, des Universums wird mir zärtlich die Tränen abwischen und Leid und Schmerz wird nicht mehr sein.
Ich bekomme als Mutter einen kleinen Einblick in das Vaterherz Gottes. Ich darf vorsichtig erahnen, wie tief die Liebe des Vaters ist. Wenn ich das nächste Mal eines meiner Kinder tröste, sie zärtlich hin und her wiege, die Tränen mit meinem Daumen wegwische, dann werde ich mich an Jesus erinnern. Wie er eines Tages auf mich zukommen wird und mir vielleicht genauso die Tränen abwischen wird. Ich werde verstehen, dass er mir immer da war, mitten in meinem Schmerz und dass er mitlitt. Ich werde auf ewig getröstet sein.

‚Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.‘
Jesaja 66, 13